ISEK-Teilfortschreibung – Leitziele

Leitziele
 

Eine Entwicklung der Innenstadt kann nur nachhaltig gelingen, wenn die Ziele für den Städtebau und die Ziele des Einzelhandels stringent aufeinander abgestimmt sind. Hierzu werden Leitziele formuliert, die sowohl die städtebaulichen wie die einzelhändlerischen Aspekte zusammenführen. Sie bilden die Grundprinzipien, aus denen heraus die Maßnahmen abgeleitet werden.

 

  Leitziele
 

Nähe
 

Nähe ist sowohl geographisch wie auch sozial zu verstehen und meint die Nähe zu anderen Nutzungen, Einrichtungen, Räumen, Angeboten, Menschen. Sie ermöglicht das unmittelbare persönliche Erleben, das Gegenüber des Anderen, den unmittelbaren Austausch. Nähe produziert den Augenblick, die reale erlebbare Welt und steht im Gegensatz zur digitalen, medialen Kommunikation. Nähe ist abhängig von kurzen Wegen und leidet unter funktionaler Trennung und erzwungener Distanz. Nähe wird umgekehrt unterstützt durch kleinteilige Mischung, komfortable Erreichbarkeit, gute Wahrnehmbarkeit.

Coburgs Innenstadt ist in ihrer gesamten Grundstruktur für diese Art des Austauschs besonders qualifiziert – von der kleinteiligen Parzellierung in Streubesitz, den damit verbundenen Akteuren als Eigentümer, Dienstleister, Händler, sowie der hieraus resultierenden Vielfalt und Mischung von Läden, Gastronomie, öffentlichen Einrichtungen. Getragen wird dies durch die sichtbare Gegenwart von Menschen, die hier wohnen und leben.

 
  Städtebau
  • Aufwertung des Wohnumfelds zur Förderung
    öffentlichen Lebens
  • Konsequente Orientierung von Neubauten zum
    öffentlichen Raum
  • Selbsterklärende Wegeführung zwischen
    Parkhäusern und Handelslagen
  • Stärkung aller Fuß- und Radwege zur Stadtmitte –
    Anbindung der Innenstadt an angrenzende Gebiete
    sowie touristische und überregionale Radwege
  • Verbesserung der Erreichbarkeit durch
    Querungshilfen an Verkehrsstraßen
  Einzelhandel
  • Stärkung von Kopplungseffekten und Kooperation
    zwischen Lagen, Standorten und Betrieben
  • Unterstützung von Verlagerungen abgelegener
    Betriebe in die Innenstadt
  • Ausbau der Nahversorgungsmöglichkeiten
  • Etablierung eines nachfragegerechten Bio-
    /Naturkostangebotes in der Innenstadt
  • Einbeziehung der Innenstadtbewohner und -
    besucher durch eine qualitative Befragung
 

Individualität
 

Das Faszinierende Coburgs liegt in seiner Besonderheit, die sich aus der geografischen Lage, der Landschaft, der Geschichte entwickelt hat. Im Laufe der Jahrhunderte entstand so ein stadt- und sozialräumliches Gefüge von Straßen, Plätzen und Häusern. Viele Generationen haben ihre Spuren hinterlassen – die heutigen wirken weiter als Eigentümer, Gastronomen, Einzelhändler oder Bewohner an der Erhaltung und Entwicklung mit.

Angesichts wachsender globaler Einflüsse besteht die Gefahr zunehmender Vereinheitlichung und des Verlusts des eigenen Profils. Coburg kann sich deshalb nicht allein auf seine reiche Geschichte berufen, sondern muss seine Identität auch aus seiner ständigen Erneuerung gewinnen. Die Ausgangsbasis ist jedoch ausgesprochen positiv, gerade auch in Handel und Gastronomie, die durch überdurchschnittlich viele inhabergeführte Betriebe gekennzeichnet ist. Deren Individualität, Vielfalt und Qualität ihres Angebots tragen wesentlich zur Attraktivität der Innenstadt bei, machen sie einzigartig und müssen im Mittelpunkt auch der weiteren Ausbildung einer besonderen Stadtpersönlichkeit stehen.

 
  Städtebau
  • Profilierung der Innenstadt und der drei Vorstädte: Ausprägung der jeweiligen Charaktere, Mischungen, Besonderheiten, Themenschwerpunkte
  • Schaffung von Quartiersplätzen als Mitte für jedes Quartier
  • Abgestimmte Gestaltung der Oberflächen von Straßen, Gassen und Plätzen: Standards je Quartier definieren
  • Entwicklung eines abgestuften Lichtkonzepts
  • Gestaltungsprinzipien für Außengastronomie und andere Sondernutzungen mit Qualitätsstandards
  Einzelhandel
  • Bessere Vermarktung und Sichtbarmachung der einzigartigen Betriebe und »Hoflieferanten«
  • Einführung von Kultur- und Einkaufsführungen
  • Verbesserung des aktiven Shoppingtourismus und Stärkung der Kopplungseffekte zwischen Tourismus und Einzelhandel
  • Stärkung der Profilierung und Positionierung der Betriebe (Crosschannel- und Store-Checks)
  • Ausbau der Personifizierung (Inhaber, Angestellte) zur betrieblichen Profilierung und Kundenbindung
  • Lokale Schulungen und Qualifizierungen
  • Optimierung von Warenpräsentation, Ladengestaltung, Außenauftritt und Fernwirkung
  • Schaffung eines gemeinsamen Serviceverständnisses aller Mitarbeiter in Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistung
  • Abgestimmte Begrünungskonzepte für den öffentlichen Raum: Anliegergemeinschaften, Ausschreibung Pflanzgefäße, systematische Pflege
  • Ermöglichung von Pop-Up- und Co-Working-Initiativen (Nutzungen leer stehender Gebäude: Arbeitsplätze für Studenten, Seminarräume o. ä.)
 

Komfort
 

Mit dem Leben in der Stadt werden nicht nur Erwartungen an vielfältige Angebote, anregende Atmosphäre und Begegnungen verknüpft. Insgesamt geht es unter diesem Leitziel um Bequemlichkeit und Behaglichkeit, die den Nutzern geboten werden. Dabei entwickeln Bewohner, Arbeitende, Kunden, Besucher, alte Menschen oder Kinder sehr unterschiedliche und teilweise kontroverse Ansprüche und Bedürfnisse. Angesprochen werden Themen wie Orientierung, Erreichbarkeit, Sauberkeit, Sicherheit, kurze Wege, Barrierefreiheit, Ausstattung, Angebotsvielfalt, Service.

Der Anspruch an Komfort muss jedoch seine Grenzen finden, wenn es um Bewahrung struktureller Eigenschaften der Stadt bzw. der Quartiere geht. Mit der städtebaulichen Vorstellung der mittelalterlichen Stadt ist eine andere Komforterwartung verbunden als etwa an ein modernes Shoppingcenter. Nicht alle aus der Topographie resultierenden Höhenunterschiede können und sollten barrierefrei und rollstuhlgerecht umgestaltet werden. Wesentlich ist der Aspekt des Komforts besonders im Bereich des Einzelhandels, da hier durch den Internethandel neue Komforterwartungen entstanden sind.

 
  Städtebau
  • Rahmenkonzept: Differenzierung unterschiedlicher »Komfortzonen« und entsprechender Oberflächen für Plätze und Hauptwege
  • Verbesserung der Orientierung auf der Basis der Stadtquartiere
  • Verbesserung der Parkraumbewirtschaftung: Vermeidung von Parksuchverkehr, kostengünstige Angebote für Anwohnerparken
  • Vollständige Barrierefreiheit auf allen Hauptverbindungen
  • Konzept zur Stärkung der Fahrradnutzung: Fahrradverleihsysteme und E-Bike als Potential
  • Schaffung zusätzlicher Sitzmöglichkeiten und konsumfreier Bereiche an zentralen Plätzen
  • Ausstattung mit Rückzugsräumen, grünen Inseln (Nischen, Innenbereiche) soweit strukturell verträglich
  • Systematische Pflege des öffentlichen Raums: Sauberkeit, Beseitigung Aufkleber und Graffiti
  • Integration öffentlich zugänglicher Toiletten
  • Integration urbaner Kinderspielmöglichkeiten
  Einzelhandel
  • Zentrale Kundenservicestelle – Shopping-Info
    (stationär und digital)
  • Einsatz digitaler und Offline-Kundenbindungsinstrumente
  • Testimonial-Kampagne zur Neukundengewinnung
  • Abstimmung einheitlicher Öffnungszeiten
  • Ausbau des Themas Convenience (in Angebots- und Ladengestaltung, durch Leistungen wie Warenabholung, Reparaturannahme) als moderne Form der Kundenorientierung
  • Eindeutige Quartiers- und Lagenkennzeichnung zur Förderung der Wahrnehmung und Orientierung
  • Optimierung Parkraummanagement und -führung (Parkraumkonzept)
  • Kundenbetreuung im öffentlichen Raum, z.B. durch Ausbildung der Parkraumüberwachung zu City-Servicekräfte
  • Förderung der Barrierefreiheit in gewerblich genutzten Gebäuden
 

Stabilität
 

Städte und ihre komplexen sozialen, politischen, wirtschaftlichen Zusammenhänge können mit Ökosystemen verglichen werden, die sich unterschiedlich widerstandsfähig gegen Veränderungen der Rahmenbedingungen und äußere Einflüsse zeigen. Während manche bei Störungen kollabieren zeigen sich andere robust und anpassungsfähig – eine Eigenschaft, die heute allgemein als Resilienz bezeichnet wird.

Coburg hat wie die Europäischen Städte im Allgemeinen seine besondere Überlebensfähigkeit über Jahrhunderte hinweg bis heute beweisen können. Hierbei hat sich die Aufteilung der Verantwortung auf viele Akteure als besonders tragfähig erwiesen. Mit der kleinteiligen Gliederung der Stadt in Viertel, Straßen und Parzellen wurde die dauerhafte Struktur für eine vielfältige Arbeitsteilung gelegt, die bis heute wirksam ist.

Mit der Vergrößerung der Strukturen wird das System Stadt empfindlicher, wie das auch am Coburger Stadtgrundriss zu sehen ist: Wenn große Einheiten ausfallen, kann das gesamte System gefährdet sein. Der Vielfalt der Akteure entspricht eine vielseitige Handlungs- und Anpassungsfähigkeit. Diese Robustheit oder Resilienz wird unter dem vierten Leitziel als besonderer Wert gesehen und gefördert.

 
  Städtebau
  • Baurechtliche Sicherung der kleinteiligen Parzellen- und Baustruktur
  • Förderung des Wohnens im Bestand
  • Förderung von Altbausanierungen, maßvolle Sanierung der Altbausubstanz
  • Konfliktvermeidung: Entstehung verträglicher Nutzungsmischungen fördern
  • Rahmenkonzept für Stadtbild- und Denkmalpflege
  • Gründung / Unterstützung von lokalen Inititativen, wie Stadtteil- und Bürgervereinen
  • Generierung studentischer Milieus, Jugend in die Planung einbeziehen
  • Sicherung vorhandener Qualitäten
  Einzelhandel
  • Ermöglichung von Flächenzusammenlegungen zur Gewährleistung von Mindestgrößen auch in historischer Bausubstanz
  • Gründung von Standortgemeinschaften und Einrichtung eines privat-öffentlichen Verfügungsfonds / Managementfonds
  • Wiederbesetzung von prägenden Leerständen durch Einzelhandel
  • Aktive Umsiedlung aus Nebenlagen in gut frequentierte Lagen, Konzeption zur Nachbesetzung der entstehenden Freiflächen z.B. durch Wohnnutzung
  • Pop-Up-Gründungen und innovative Nutzungsformen (z.B. Coworking spaces) in Leerständen und untergenutzten Flächen
  • Citykonjunkturprogramm – Modernisierung, Profilierung, Qualifizierung, Kooperation
  • Unterstützung innerstädtischer Betriebsansiedlungen in festgelegten Branchen und Lagen mit Nachholbedarf (z.B. Mauer, Mohrenstraße, Steinweg)
  • Erhöhung der gemeinsamen Stammkundenbindung
  • Systematischer Ausbau von betriebs- und branchenübergreifendem Empfehlungsmarketing/Cross-Selling
  • Online-Warenkorb – gemeinsamer unternehmensübergreifender Warenkorb
  • Schließung der Branchen- und Konzeptlücken: Ansiedlung fehlender Betriebe und Angebote
  • Ansiedlung ergänzender mittelständischer Unternehmen zum Ausbau eines Coburg-spezifischen Angebotsmixes durch branchenübergreifende innovative Konzepte, bevorzugt inhabergeführt
  • Regionale Abstimmung der Flächen- und Standortentwicklung zur Vermeidung von Kannibalisierungseffekten innerhalb der Region
  • Sicherung der Unternehmensnachfolge im Einzelhandel
 

Erlebbarkeit
 

Die Attraktivität Coburgs muss weniger an der Größe, Quantität und Preisgunst festgemacht werden als vielmehr an ihren kulturellen, gastronomischen, geschäftlichen Qualitäten – und der Art, wie sich diese in der Stadt erschließen lassen und präsentieren. Die Erlebbarkeit ist eng verknüpft mit der Hierarchie der Stadträume und der Hauptwege und spiegelt sich in den abgestuften Einkaufslagen wider.

Diese Hierarchie ist strukturell im Stadtgrundriss verankert und damit kaum veränderlich. Aber es stellt sich die Aufgabe, die verschiedenen Eigenarten, Qualitäten, Besonderheiten sichtbar und erlebbar zu machen. Dies betrifft wiederum alle Ebenen: von der Stadtgeschichte und Stadtraum über Architektur, Kultur, Gastronomie und Handel bis zu Festen, kulturellen Veranstaltungen und sonstigen Events. Grundlage hierfür kann nur die Authentizität sein. Alles Künstliche und Aufgesetzte würde das Profil Coburgs beeinträchtigen.

Im Gegensatz zur medialen Kommunikation stehen in der städtischen Welt die unmittelbare Begegnung und das reale Erleben im Vordergrund. Die Städte sind hier zunehmend gefordert, durch besondere Ereignisse die Erlebnisqualität gezielt zu steigern. Feste, Märkte, kulturelle Veranstaltungen, Festivals und Kongresse bieten die Chance, die Stadt und ihre Geschichte zu thematisieren und zum unverwechselbaren Erlebnis zu gestalten.

Mit dem Ensemble von Theater, Schlossplatz, Ehrenburg Hofgarten und Altstadt mit vielfältiger Gastronomie ist ein einmaliges Potential gegeben für eine weitergehende Inszenierung der Individualität Coburgs.

 Achse Historische Altstadt - Schlossplatz - Hofgarten
 
  Städtebau
  • Verdeutlichung wichtiger räumlicher Zusammenhänge (z.B. Markt – Schlossplatz – Hofgarten – Veste)
  • Stärkung des Grünzusammenhangs (z.B. Verbindung Untere Anlage – Wettiner Anlage – Schlossplatz – Allee im Kontext mit dem Hofgarten)
  • Historische Nutzungen und Stadtstrukturen erkennbar machen (z.B. Verlauf der früheren Stadtbefestigung)
  • Fluss-Erlebnis durch Zugänge zur Itz
  • Schaffung von selbst erlebbaren Themenwegen und Stadtrundgängen
  Einzelhandel
  • Weitere Profilierung als Einkaufs-, Kultur- und Erlebnisinnenstadt
  • Thematische Einkaufsführungen, kombinierte Shopping- und Kultur-Führungen
  • Schulprojekttage zu Innenstadt und Handel zur frühzeitigen Sensibilisierung
  • Schaffung von 100 % Präsenz des Angebotes im Internet
  • Verknüpfung Handel und Tourismus – auch im regionalen Kontext
  • Errichtung von Info-Stellen an den wesentlichen Touchpoints (Hauptbahnhof, ZOB, Innenstadteingänge) zum Ausbau der Informations- und Empfangskultur
  • Transformationsmanagement – Digitaler Wandel Innenstadt
 

Städtebauförderung in Oberfranken

Dieses Projekt wird im Bund-/Länder-Städtebauförderungsprogramm »Städtebaulicher Denkmalschutz« mit Mitteln des Bundes und des Freistaats Bayern gefördert.